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06. Februar 2008
Abitur jetzt auch bei McDonalds


Jetzt kommt das Fritten Abitur - aber ist das wirklich ein Problem?

McAbitur - Braten, brutzeln, büffeln - Ausbildung bei McDonald's - Dr. Cheeseburger - Ein Diplom von der Fritten-Fakultät?  - Nichts scheint unmöglich zu sein in Großbritannien - Demnächst auch Minister mit McDonald's-Diplom.- Britische Regierung erlaubt das McDonald’s-Abitur - das waren die Schlagzeilen der letzten Tage. Was war unglaubliches passiert auf der Insel? Die Engländer haben ihre Form der Gleichwertigkeit von beruflichen und allgemeinbildenden Abschlüssen definiert. Die Regierung erteilte zum ersten Mal McDonald's  und anderen Firmen das Recht, staatliche Abschlüsse zu verleihen. Die britische Regierung will damit das Staatsmonopol für Schulabschlusszeugnisse abgeben. Diese Meldung aus England hat die deutsche Öffentlichkeit richtig elektrisiert. Und natürlich auch gespalten, was ist da passiert bei unseren Nachbarn? 
 
Der britische Premier Gordon Brown, derzeit mit einer wenig glücklichen Hand unterwegs,  will der berufsbezogenen Ausbildung neuen Schwung verleihen. So werden in Großbritannien künftig Schüler für McDonald's zwischen Schnellrestaurent und Schulbank pendeln können.
 
Britische Jugendliche sollen künftig bei McDonald’s die Schulbank drücken können. Zusammen mit dem Billigflieger Flybe und dem Eisenbahnnetzbetreiber Network Rail erhielt die Fast-Food-Kette die Regierungserlaubnis, Lehrpläne zu entwickeln, die Schüler zum A-Level-Abschluss führen. Dieser entspricht dem deutschen Abitur und berechtigt zu einem Hochschulstudium.
 
Ein Diplom von der Fritten-Fakultät? Ein Abitur für Schienenlegen oder Getränke-Servieren in der Businessclass? Nichts scheint unmöglich zu sein in Großbritannien, nun da die Regierung zum ersten Mal drei Privatunternehmen das Recht erteilt, Abschlüsse zu verleihen. Der Burgerbrater McDonald's, die Fluggesellschaft Flybe, und Network Rail, das die Gleisanlagen der Eisenbahnen wartet, können vom kommenden Herbst an Mitarbeiter von der mittleren Reife bis zum Doktortitel ausbilden - und entsprechende Zeugnisse ausstellen, die staatlich anerkannt sind.
 
"Das größte Hindernis für Vollbeschäftigung ist nicht der Mangel an Arbeitsplätzen, sondern der Mangel an Fähigkeiten unter jenen, die arbeitslos oder untätig sind", erklärte Premierminister Gordon Brown bei der Vorstellung des nicht unumstrittenen Projektes. Kategorisch trat er Kritikern entgegen, die vor einem Absturz akademischer Standards warnten. Ein McDoktor wäre nicht unbedingt weniger wert als eine Promotion an einer Traditionsuniversität, deutete der Regierungschef an; die Kurse würden "streng und intensiv" sein.
  
Das Pilotprojekt soll bei der „Revitalisierung der berufsbezogenen Ausbildung“ helfen, wie der britische Premier Gordon Brown erläuterte. China bilde pro Jahr 200 000 Ingenieure aus, sagte der Regierungschef bei einer Präsentation mit Unternehmern, an der auch McDonald’s-Chef Steve Easterbrook teilnahm: „Vor einer Generation musste ein britischer Premier sich um den Rüstungswettlauf Gedanken machen. Heute muss er sich um den globalen Wettlauf im Können und Wissen sorgen.“ Um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, müsse eine Nation „das Beste aus allen ihren Menschen herausholen.“
 
Die unabhängige Aufsichtsbehörde für Lehrpläne und Prüfungen (QCA) bestätigte, dass ein McDonald’s-Abschluss landesweit gelten wird und von Universitäten als Zulassung akzeptiert werden kann – etwa für einen Studiengang in Ernährungswissenschaft oder Lebensmitteltechnologie. Wohlgemerkt: Kann.
 
Ziel der jüngsten Regierungsinitiative sei es, die Barrieren zwischen praktischer Berufsbildung und rein schulbezogenen Ausbildungsgängen niederzureißen, sagte ein QCA-Sprecher. Man wolle ein flexibleres System entwickeln um eine Kombination verschiedener Qualifikationen zu ermöglichen.
 
Für McDonald’s-Personalchef David Fairhurst zeigt die Erlaubnis, „wie gut unsere Ausbildungsgänge und unsere Standards sind“. Das Unternehmen reagiere auf den Wunsch der Angestellten nach Fortbildungsmöglichkeiten. Seit Januar werde bereits eine extern anerkannte Qualifikation für Managerschulung erprobt. Der englische Unternehmerverband CBI sieht in der neuen Maßnahme einen „Meilenstein bei der Reform der beruflichen Bildung“. Britische Unternehmer investierten jährlich 33 Mrd. Pfund in die Bildung ihrer Mitarbeiter, doch nur ein Drittel der Angebote führe zu allgemein anerkannten Qualifikationen.
 
Der junge Arbeitsminister James Purnell ging sogar noch weiter: Ja, erwiderte er nach einer Schrecksekunde auf eine Reporterfrage, er sehe keinen Grund, warum es nicht eines Tages auch Minister mit McDonald's-Diplom geben solle. In erster Linie hoffe er jedoch, all jenen Briten eine Ausbildung zu geben, die frühzeitig die Schule verlassen und keinerlei Qualifikationen haben. Auf diese Weise solle die Zahl der Sozialhilfeempfänger reduziert werden: "Ich will sicherstellen, dass der Wohlfahrtsstaat keine Lebensform ist", betonte der Labour-Politiker.
 
Mit dem Vorstoß reagiert die Regierung allerdings auch auf anhaltende Kritik aus der Wirtschaft. Unternehmen bemängeln seit langem, dass Schulen, Colleges und Universitäten junge Menschen nicht mehr hinreichend gut auf das Berufsleben vorbereiten. Der Vize-Vorsitzende des Industriellenverbandes, John Cridland, lobte den Plan denn auch als "bedeutenden Meilenstein".
 
Die Minister für Hochschulbildung, John Denham, und Familien und Schulen, Ed Balls, kündigten auch an, die Zahl der Ausbildungsplätze bis 2013 um 90 000 zu erhöhen. Bis 2020 sollen es gar 500 000 mehr sein. Die Royal Opera und der National Trust hätten bereits Lehrstellen versprochen, nun müssten andere folgen, auch im öffentlichen Dienst, mahnte Premier Brown. Vorgesehen ist eine nationale Lehrstellenvermittlung.
 
Die neue Bildungsoffensive der Regierung ist allerdings nicht unumstritten. Erst vor kurzem hatte Schulminister Balls berufsorientierte „Diplome“ als Alternative zu den A-Levels eingeführt. Angesichts der Vielzahl neuer Initiativen gerieten die Schulen „ins Taumeln“, warnte der Schuldirektorenverband.
 
Firmeninterne Aus- und Fortbildungskurse gibt es freilich schon lange; nun aber kann man die erworbenen Fähigkeiten als Gutschriften sammeln, die auch von staatlichen Stellen anerkannt und für Diplome angerechnet werden. Die amerikanische Fast-Food-Kette dürfte die meiste Erfahrung mit der akademischen Ausbildung ihrer Mitarbeiter haben. Schließlich betreibt McDonald's schon seit dem Jahr 1961 in einem Vorort von Chicago seine eigene "Hamburger University". In England, Nordirland und Wales werden Kurse für die Führung eines Burger-Restaurants künftig dem Abschluss in einem Abiturfach wie Englisch oder Mathematik gleichgestellt und von der staatlichen Erziehungsbehörde "Qualifications and Curriculum Authority" (QCA) entsprechend akzeptiert werden.
 
Auch der Billigflieger Flybe wird Kabinenpersonal und Techniker bis zum Grad des Abiturs fortbilden können. Der Schienenbetreiber Network Rail wird sogar Qualifikationen im Ingenieurswesen bis hin zu einem Doktorgrad anbieten. Nach Angaben der Firma, die wegen schlechter Leistungen praktisch ununterbrochen im Kreuzfeuer öffentlicher Kritik steht, sollen irgendwann alle 33 000 Mitarbeiter an Fortbildungsprogrammen teilnehmen.
  
In der Berliner taz wird dieses Ereignis ausführlich kommentiert. Hier der Beitrag:
 
McAbi? Wieso nicht!
Unternehmen wie Aldi, Tchibo und McDonalds bieten Weiterbildung an. Damit reagiert der Markt auf jene gesteigerten Bildungsnachfragen, welche die Kultusminister ignorieren.
 
VON CHRISTIAN FÜLLER
 
Haben wir gelacht! Über "Dr. Cheeseburger" kringelt sich die SZ, und das professorale Portal tagesschau.de kalauert: "Ein Burger mit Cola und Abi, bitte!" Die beiden Intelligenzmedien stoßen sich daran, dass McDonalds nun zu jenen Unternehmen gehört, die Weiterbildungen anbieten, im Zweifel sogar das Abitur. Glücklicherweise findet dieser schröckliche Kulturverfall in Großbritannien statt. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was hierzulande geschieht, wenn die Bastion "Allgemeine Hochschulreife" von der Wirtschaft geschleift oder schlimmer: einfach feindlich übernommen würde. Die Philologenchefs aller Bundesländer würden gemeinsam mit ihrem Primus Heinz-Peter Meidinger wahrscheinlich ihre Oberstudiendirektoren-Patente öffentlich verbrennen.
 
Dabei sollten sich all die Bildungsbürger ernsthaft auf McBildung vorbereiten. Bei Tchibo gibt es längst Nachhilfepakete der Schülerhilfe zu kaufen. Auch Aldi macht seit Anfang des Jahres Bildungsangebote. Ja, Qualifikationen, Wissen, Erkenntnis, seit je Lebenselixiere der Deutschen, gibt es jetzt neben Wein, Suppenwürfeln und Turnschuhen beim Supermarkt. Das Feindliche ist näher, als die Intelligenzija dachte. Der böse böse Markt bedroht unsere, ach!, so edle Bildung.
 
Kappes. Die Industrie tut das, was ihr Job ist, was sie immer schon gut konnte: Sie findet Marktlücken und macht sie, jawoll, zu Geld. Die Frage, ob das legitim oder der Untergang des Abendlandes wäre, ist falsch gestellt. Sie muss zunächst lauten: Gibt es eine Marktlücke? Wer hat sie geöffnet, wer hat seinen Job nicht getan? Und die Antwort ist auch ganz einfach: Es gibt eine enorm steigende Nachfrage nach Qualifikationen aller Art. Aber die Kultusministerkonferenz, jene Versammlung der Schulminister aller Länder, geriert sich als mittelalterliche Gralshüterin des Gutes "höhere Bildung". Längst hat sie sich in ein schnödes Kartell verwandelt. Sie beharrt auf ihrem Monopol und vergibt Bildung nur nach undurchschaubaren, unmodernen und hoch undemokratischen Regeln. Alle Versuche der Bürger, dagegen aufzubegehren, etwa bei Wahlen, Bildungsdemos oder Elternabenden sind erfolglos geblieben - also kommt nun ein geübter Preisbrecher und beginnt alte Traditionen zu knacken: der Discounter. Recht so!
 
Die Bildungspolitik ist so verlogen wie die hergestellte Öffentlichkeit darüber. Bildung ist angeblich ein Megathema, von jeder Plakatwand blubbern Ministerpräsidenten unhaltbare Wahlversprechen über die Bürger hinweg. Unterrichtsgarantie! Begabung! Einziger Rohstoff! Am Tag nach der Wahl dieselbe triste Realität wie immer: stinkende Schultoiletten. Entkräftete Lehrer, deren Nachwuchsrekrutierung zwischen den Länderministern seit sieben Jahren (!) streitig dauerberaten wird. Elternversammlungen in den Schulen werden rabiat abgebrochen, wenn die eigentlichen Chefs in der Schule lässig mit ihren Schlüsselbünden klimpern: die Hausmeister. Bildung - das ist etwas, über das prima Sonntagsreden gehalten werden, neuerdings sogar die ganze Woche, für das im Zweifel aber keiner verantwortlich ist: Die Bezirksschulrätin lacht richtig belustigt auf, als eine ratlose Mutter fragt, wie es um die Qualität des Unterrichts bestellt sei. "Dafür bin ich nicht zuständig!", sagt sie, die nie mehr Gewählte. Der Regierende Bürgermeister Berlins hat unlängst auf die Frage nach Lehrern in den Hauptschulen so lässig wie sinngemäß geantwortet: Ph, kann mich doch nicht um jede Kleinigkeit kümmern. Sonntagsabends aber darf er bei Anne Will ungestraft den Superduper-Bildungsreformer geben.
 
Der Staat und die Bildung, das ist in den Köpfen der Menschen eine so ungeheuer klebrige Symbiose, dass sie noch den gröbsten Skandal übersehen hilft. Was bitte, können McDonalds und Aldi eigentlich verkehrt machen, wenn das staatliche Schulwesen genau das produziert, was die linken und rechten Bildungsgurus immer nur der Wirtschaft ankreiden wollen: Ungerechtigkeit und Ungleichheit im Kompetenzerwerb. Frisörstochter bleibt Frisörin, Migrantenkind hat nix Chance, Arztsohn geht hundertpro auf die Uni. Das ist die eherne staatliche Aufstiegsregel.
 
Sie zu verändern wird viele wahnsinnig demokratische Schulkonferenzen kosten und tausende hyperkritische Fragen an eine teflonhafte Kultusministerschaft. Aber es wird sich wenig ändern - bis McDonalds nicht etwa nur hinter dem Tresen die Chance zum Abi anbietet. Nein, wenn es wirklich möglich ist, sich zum Double Chili Cheese einen Gutschein zum Abendkurs "Hochschulreife" zu kaufen. Erst dann wird sich die Betonschule ändern. Darauf eine Coke, denn es wird ein Fest.

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